Der Buddhismus eroberte Tibet um 650 n. Chr.. Elemente des Bon, der ursprünglichen tibetischen Religion, wurden jedoch vom buddhistischen Dharma (Lehre) aufgenommen. Hinajana, das ,,kleine Fahrzeug”, und Mahajana, das ,,große Fahrzeug”, ,,bereisten” den Himalaja bis zum ,,Land des Schnees”, aber nur die Lehre des Mahajana und des indischen Tantra setzten sich durch. Beide enthielten reiche Einflüsse des hinduistischen Deismus und wurden von den Tibetern kreativ zum vollkommenen Dharma des ,,Diamant-Fahrzeugs” (Vajrajana) weiterentwickelt.

Die Urreligion, bekannt als Bon (ausgesprochen ..Bern”),  wurde in zwei Hauptformen praktiziert: Die priesterliche Religion stand im Dienste der frühen tibetischen Könige. Da diese als geheiligte Regenten galten und ihre Begräbnisriten große Bedeutung besaßen, war die Überlieferung der Riten die Hauptaufgabe dieser Bon-Priester. Die zweite Ausformung war schamanischer Natur und hatte ihre Basis in den ländlichen Gemeinschaften. Die Schamanen waren religiöse Adepten, die darauf spezialisiert waren, die lokalen Gottheiten und Geister zu kontrollieren, von denen man glaubte, dass sie in böser Absicht und in großen Scharen jeden Winkel Tibets heimsuchten. Da man das Unglück üblicherweise den Geistern zuschrieb, war es die Kunst des Schamanen, diese Kräfte durch Ritual und Zauber zur Heilung, zum Wahrsagen und zum Schutze der Gemeinde umzupolen.

Tibet war das letzte asiatische Königreich, welches zum Buddhismus konvertierte. Abgelegen hinter der Grenze des Himalaja war ,,das Dach der Welt” ernst eine asiatische Großmacht: Zwischen dem 7. und 9. nach christlichen Jahrhundert drangen tibetische Armeen tief nach China ein und übernahmen sogar kurzfristig die Kontrolle über die chinesische Hauptstadt Tschangan. Der Kontakt mit China, Kaschmir, lndien und Nepal wahrend dieser Jahrhunderte brachte sowohl buddhistische als auch hinduistische Ideen nach Tibet, welche dazu beitrugen, die reiche Struktur des tibetischen Buddhismus auszubilden.

Im Detail unterschieden sich die vielen monastischen Schulen Tibets zwar, doch verband sie alle die gemeinsame strenge Orthodoxie, die durch die Übersetzung des gesamten buddhistischen Kanons ins Tibetische noch verstärkt wurde; viele buddhistische Sanskrit-Texte sind heute nur noch in der tibetischen Übersetzung erhalten.

DIE ERSTEN DALAI LAMAS

Zwei unterschiedliche Reinkarnationstheorien erklären die spirituelle Identität des Dalai Lama: Der Geist des verstorbenen Lama wird in einem Kind wiedergeboren. Das auserwählte Kleinkind wird inthronisiert, später initiiert und als GeIugpa-Mönch ausgebildet, bevor es sein Amt antritt. Diese Vorstellung unterscheidet sich jedoch von der alten buddhistischen Theorie karmischer Determination der Wiedergeburt. Die zweite Theorie, nach der jeder Dalai Lama eine Reinkarnation des Awalokite-schwara ist, wurzelt im 17. Jahrhundert. Da Tibets erster ,,Dharma-König” ebenfalls für eine Reinkarnation Awalokite-schwaras gehalten wurde, bestand zwischen jedem Dalai Lama und Tibets erstem buddhistischen Wohltäter eine mächtige Bindung.

 

 

Quelle: Buddhismus / Tom Lowenstein

Verlag: Knaur